Ob ich das Spiel gestern gesehen habe, fragt er. Ich mache zwei ah-Laute zur Verneinung, denn es befinden sich drei Objekte in meinem Mund. Eines ist sein Finger, die anderen wurden vom Kinn her eingeführt. Ich könnte raten was es ist, lasse es aber.
Gott, ist der jung ! Ich meine, der ist in meinem Alter. Ich habe Schwierigkeiten meine Kontoauszüge zu lesen, ihm liegt meine dentale Zukunft in Händen. Er hat so was sportliches. Für wen hält der sich? Sitzt hier gegelt auf Drehhockern, mit den Fingern in fremden Mündern, redet über Sport- über Sport!- und ist höchsten dreißig.
Dynamische surfjuppies verhalten sich zu Zahntechnik, wie Kettenraucher zu Pyrotechnik.
Hier fehlt es an Besonnenheit, an Erfahrung.
„ Darf ich ausspülen ?“, frage ich gestisch.
„ Sie dürfen.“ sagter, und schmunzelt gefällig,“ aber ich habe eigentlich nur einen Blick hineingeworfen, es gibt also nichts auszuspülen.“ Ich spüle dreimal gründlich und verabschiede mich. Ich wusste, dass der Verlust meines Zahnarztes eine Odyssee nach sich ziehen würde.
Der Tip mit dem Kettenraucher-zahnarzt kam von einer Kollegin die mich nach einer Teamsitzung mit Arztgeschichten belästigte. Vor allem versuchte sie allen ernstes die Schwierigkeiten meiner Zahnarztsuche mit der nach einem geeignetem Gynäkologen zu vergleichen. Und fast hätte ich noch mal den Witz versucht, den mein Bekannter schon nicht lustig fand. Jedenfalls ist mir nun klar, dass es eher seine Erscheinung, als seine fachliche Kompetenz gewesen sein muß, die sie ihn mir empfehlen ließ.
Am zweiundzwanzigsten habe ich noch einen Termin, eine Kontrolluntersuchung bei einem anderen Dentisten. Es ist wie Hosenanprobieren an einem Samstagnachmittag bei H&M. Ich habe schon längst keine Lust mehr, doch die Suche nach all dem Aufwand erfolglos zu beenden, hinterließe nur Leere in mir. Der neu ist Ausländer. Malik, ohne Dr.- Titel.
Ein klares Indiz meiner Verzweiflung, dass ich ihn überhaupt aufsuche. Seine Sprechstundenhilfe trägt Kopftuch, was mir zuerst auffällt und mich überlegen lässt, ob das in Bayer durch ginge. Und wenn nicht, ob es sich bis zum BGH durchklagen ließe.
Die Einrichtung weißt keinen Hauch orientalisches auf. Überall stehen schwarze Ledermöbel auf weißen Fliesen. Es sieht aus wie bei einem deutschen Zahnarzt mit echtem Examen,.Deutsch oder nicht, ich werde hineingebeten- über Lautsprecher, was mir einen Applausschauer über den Rücken jagt. Könnte ich eines der beiden wählen, Schauspielen oder Musikmachen, ich würde immer Musikmachen wählen. Kein Schwein applaudiert Schauspielern vor oder während eines Auftrittes. Es gibt zwar Szenenapplaus, aber der nervt ungemein. Deutsche Theaterhäuser sind eben keine schwarzen Südstaaten- Kirchengemeinden. Weshalb in der Herz- Jesu Kirch auf der Roonstraße auch keiner beim Fürbittengebet aufspringt und ruft: „ Lord Jesus, thank you for being the head of my life!“
Legitimen Szenenapplaus bekommt man eben nur als Musiker, weshalb ich Musiker wählen würde.
Herr Malik ist mitte vierzig und hat unglaublich behaarte Unterarme. Das stört mich nicht. Er verbreitet Ruhe. Er verbreitet Gelassenheit. Er ist souverän. Er trägt weiß. Er hat Chancen bei mir ! Die Zahnarzthelferin ist ein Bild einer Frau. Kein Hangriff wirkt suchend, s „Vier Jahreszeiten“ rieselt vom Deckenlautsprecher auf mich herab. Wäre er Friseur und dies sein Salon, mir würde in diesem Moment Kaffee gereicht werden.
Er untersucht mein Gebiss gewissenhaft, legt seine Stirn in Falten und lässt sich, scheinbar unnötig, Besteck reichen, um es kaum gebraucht wieder aus der Hand zu geben. Ja, er hat Chancen bei mir.
Er sagt, es sei alles tadellos, soweit, behält dabei aber diesen forschenden Diagnostikblick. Dann sieht er auch die Uhr und verabschiedet mich mit Handschlag.
„Herr Doktor“, sage ich im Vorraum, „Herr Doktor, sie wohnen doch nicht in der Nähe, wenn ich fragen darf?“
„Aachen“, sagt er, indem er meine Akte beschriftet, „ ich pendle.“
Den nehm´ ich.
Omar´05